Wir sind Hrant!
Wer war Hrant Dink ?

[Emre Esen, Abuzar Erdogan]

Ein Demokrat, ein Menschenrechtler, eine Ehrenwürdigkeit oder vielleicht doch nur ein Separatist? Genau diese Antworten sind aus der gegenwärtigen Öffentlichkeit der Türkei herauszuhören. Doch auf die Frage wer Hrant Dink war, ist im Hinblick auf seine Biographie eine klare Antwort zu geben. Er war schlichtweg ein Mensch, der wusste menschlich zu handeln, nicht auf Provokation und Rache zu setzen, sondern die Wahrheit vor Verleugnungen zu schützen.

 

hrant_dink.jpgHrant Dink kam am 15.September 1954 in Malatya zur Welt. Mit sieben Jahren verließen seine Eltern die Stadt und zogen nach Istanbul. Unmittelbar danach wurde der Armenier mitsamt seinen zwei Brüdern aufgrund der Trennung seiner Eltern in einem Waisenhaus in Istanbul-Gedikpasa untergebracht. Das Waisenhaus, welches der armenisch-protestantischen Kirche oblag, sorgte für eine christliche Erziehung des jungen Hrant.

Während seines Studiums der Zoologie und Philosophie profilierte er sich mit politischen Aktivitäten auf dem linken Spektrum. Im Alter von 26 Jahren, zur Zeit des Militärputsches in der Türkei, verhaftete man ihn aufgrund seiner politisch- linksorientierten Ambitionen dreimal. Neben seiner politischen Aktivitäten lernte Hrant während seines Studiums seine spätere Ehefrau Rakel Yagbasan kennen. Kurze Zeit später heirateten sie. Als Vater von drei Kindern übernahm er mit seiner Ehefrau das Kinderferienheim in Tuzla. Unter dem Vorwand, die armenische Kirche habe das Grundstück auf illegaler Art erworben, enteignete man das Ferienheim. Hrant, der mit seiner Frau versuchte dagegen anzukämpfen, scheiterte und gründete 1990 mit seinen Brüdern eine Buchhandlung, was die Weichen seiner journalistischen Karriere stellte.

Im Pendant dazu, publizierte er in der Zeitung „Marmara“ unter dem Pseudonym Çutak – übersetzt: Violine – Kritiken über Bücher, deren Inhalte die türkische-armenische Geschichte rekrutierten.

Seiner Arbeit als Journalist setzte Hrant Dink 1996 mit der Gründung der Zeitschrift „Agos“, wie sich später herausstellt, einen weiteren öffentlich kritikreichen Schritt. Die armenisch-türkische Zeitschrift diskutierte offen über heikle politische Angelegenheiten, die auf der politischen Plattform der Türkei weitgehend unter den Teppich gekehrt wurden. Die Debatte über den Genozid, dem die Armenier unter der Obrigkeit der Osmanen sowie der Jungtürken aber auch zu Zeiten der ersten Jahre der Republik ausgesetzt waren, waren darin wichtige Bestandteile. Doch nicht nur die Repressalien waren Inhalte der Zeitschrift, auch die mangelhafte türkische Diplomatie sowie die Tatsache, dass es zu keiner Zeit einen nicht-muslimischen hochrangigen Beamten bzw. Offizier gab,  wurde unter die kritische Lupe zur Rechenschaft und in die öffentliche Diskussion gezogen.

 

Im Oktober 2005 verurteilte man Hrant Dink zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten. Der Grund: „Beleidigung des Türkentums“. Der Stern nahm wie folgt Bezug auf die angebliche “Denunziation“ Dinks´: „[Hrant Dink] habe behauptet, türkisches Blut sei vergiftet, und damit die "Märtyrer" der türkischen Nation verunglimpft.“ Aus dem Artikel geht hervor, dass Dink Äußerungen darüber machte, dass Armenier sich ihrer Zukunft, nämlich Armenien widmen müssten, statt an den  Gräueltaten der Vergangenheit festzuhalten. In Dinks´ Veröffentlichung war auch die Rede vom „vergifteten Blut“, was groteskerweise vor Gericht als Vergiftung des türkischen Blutes interpretiert wurde. Dink reichte Revision ein. Derweilen wurde ihm ein weiterer Prozess eröffnet, der den Vorwand trug, dass er durch seine Kritik am Rechtsanspruch in erster Instanz die türkische Justiz beeinflusst hätte.

Dink äußerte sich über die Anklage mit Gleichgültigkeit. Auf die Frage, was für ihn wichtig sei, war seine Antwort konkret, er wolle die Gleichberechtigung der Armenier. Jedoch müsse dabei auch die Gleichberechtigung der Kurden, Aleviten, Frauen und Homosexuellen gewährleistet sein. Ansonsten „[…] war alles um sonst.“, so Dink persönlich. (Stern, 19.Januar 2007)  

In einem weiteren Fall wurde Dink, aufgrund einer Publikation über den Völkermord an Armeniern seitens des Osmanischen Reichs, das zur Ausmerzung einer seit 4000 Jahren auf diesem Gebiet lebendem Volk führte, angeklagt. Daraufhin zog er im Oktober 2006 vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Doch vor einer Entscheidung wurde Hrant Dink am 19.Januar 2007 vor dem Verlagshaus der Zeitschrift „Agos“ ermordet.

Der Frankfurter Rundschau nimmt Stellung auf den Mord des Journalisten mit einem Zitat, das er selbst am Tag seiner Ermordung sagte.

„[...] Am Morgen vor seinem Tod schrieb der 52-Jährige: "Wer weiß, wie viel Ungerechtigkeit aufs Neue auf mich zukommt? Trotz allem habe ich noch eine Sicherheit, auch dann, wenn ich furchtsam wie eine Taube bin. Ich weiß, in diesem Land tut man den Tauben nichts. Hier leben Tauben mitten in der Stadt und mitten unter Leuten; immer ein bisschen ängstlich, doch dafür immer auch ein bisschen frei." Dink hatte sich gründlich geirrt. Zu diesem Zeitpunkt lag schon längst verdorbener Samen im Agos.“ (Frankfurter Rundschau, 21.Januar 2009)

 

 

 

Das Attentat – Hintergründe der Täter

Hrant Dink wurde direkt vor dem Eingang seines Verlagshauses gegen 12 Uhr von Ogün Samast, durch drei Schüsse ums Leben gebracht. Nur wenige Stunden nachdem Attentat fasste die Polizei Ogün Samast, einen 17-jährigen der in der Schwarzmeerstadt Trabzon wohnt. Nach seiner Verhaftung ließen sich die Polizisten  mit ihrem „Helden“ fotografieren. Sie gaben Ogün Samast eine türkische Fahne in die Hand, stellten sich neben ihm und ließen sich so ablichten. Der Attentäter, ein nationalistischer Türke, war jedoch nur ein Vollstrecker der Tat. Die Fäden zogen Andere im Hintergrund. Nun muss davon ausgegangen werden, dass diese so weit reichen, dass der Fall Hrant Dink niemals wirklich aufgeklärt wird. Der Attentäter wurde von Yasin Hayal zu der Tat angestiftet. Yasin Hayal ist kein Unbekannter für die türkische Justiz, denn im Jahre 2004 verübte er einen Bombenanschlag auf eine McDonalds-Filiale in Trabzon bei dem 4 Menschen verletzt wurden. Bei seiner Einlieferung in die Haftanstalt schrie er zu der Presse er werde auch die russische Botschaft und die britische HSBC-Bank sprengen. Nach seiner Entlassung kehrte er nach Trabzon zurück, wo er als  Mythos unter den nationalistischen Jugendlichen galt. Damit war er für den nationalistischen Ogün Samast eine Vorbildfigur, der ihn jeden Tag eintrichterte das Hrant Dink ermordet werden müsse, da dies zum Wohle der Nation wäre. Bei seiner Vorführung zum Haftrichter schrie Yasin Hayal „Sei vernünftig Orhan Pamuk“, Orhan Pamuk ist bisher der Einzige  aus der Türkei stammende Literaturnobelpreisträger, der sein Bedauern über den Genozid an den Armeniern geäußert hatte. Doch auch Yasin Hayal wurde zur Tat angestiftet. Erhan Tuncel war die Person, die Yasin Hayal seine Anweisungen gab. Erhan Tuncel war ein Informant der Polizei, der Mitglied der Ultranationalistischen Großen Einheitspartei ist. Er beschaffte die Tatwaffe, plante und organisierte das Attentat.

Die schnelle Verhaftung von Ogün Samast führte die türkische Polizei auf die lückenlose Videoüberwachung der Straße zurück, in dem sich das Verlagshaus von Agos befand. Kurz nach der Verhaftung von Ogün Samast wurden jedoch die Videoaufnahmen von 12 bis 14 Uhr gelöscht. Dies wurde damit begründet, dass man die Bänder erneut einsetzen müsse, da keine weiteren Bänder zur Verfügung stünden.

Der schlampige Umgang der Polizei mit den Beweismaterialen, das Feiern des Attentäters durch die Polizei als Held und die Tatsache, dass wegen eines Bombenanschlages Verurteilter und ein Informant der Polizei das Attentat geplant hatten, legte bei vielen Personen die Vermutung nahe, dass die Polizei nichts unternommen hatte um das Attentat zu verhindern. Auch die Haltung des türkischen Staates ist kritisch zu betrachten, denn gegen keinen der Polizisten, die die Beweismaterialen vernichtet hatten oder den Attentäter als Held gefeiert hatten, wurde ein Verfahren eingeleitet. Stattdessen wurden diese nur versetzt. Der Ministerpräsident verurteilte das Attentat mit den Worten, dies wären „Schüsse auf die Türkei“, jedoch war ihm die Eröffnung eines Tunnels wichtiger, als die Beerdigung von Hrant Dink und er ließ sich entschuldigen, er hätte einen wichtigen Termin.

Die Beerdigung

An der Beerdigung von Hrant Dink nahmen über 100.000 Menschen teil. Sie trugen schwarze Schilder in der Hand mit der Aufschrift „Wir sind Hrant Dink“ oder „Wir sind Armenier“. Diese öffentliche Anteilnahme war eine Begebenheit, was es in der Türkei bisher nicht gab. In einem Land, in dem die meisten Armenier aus Furcht vor Diskriminierung ihre Identität geheim hielten, war es eine unglaubliche Solidaritätsbekundung. Auch wenn die Menschen von den Nationalisten kritisiert und verhöhnt wurden, war es ein Indiz dafür, dass in der Türkei ein sehr langsamer Paradigmenwechsel einsetzt. Das ist wohl die größte Leistung von Hran Dink gewesen. Aus Deutschland reisten die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir zu Beerdigung an, während nur zwei türkische Minister die Mühe auf sich nahmen und nach Istanbul zu Beerdigung anreisten.

 

Nachruf

Hrant hat es geschafft die Mauer des Schweigens in der Türkei zu brechen, er hat es geschafft den Genozid an den Armeniern wieder auf die politische Agenda zu setzen, er hat den Weg für die Vergangenheitsbewältigung eröffnet, er hat auf die Diskriminierung von Minderheiten in der Türkei hingewiesen, kurzum hat er zu einer Demokratisierung der Türkei beigetragen. Hrants´ Tod stellt einen großen Verlust für die Türkei dar, in der kurzen Zeit die ihm vergönnt war hat er Vieles erreicht. Wir hoffen, dass der Weg des Dialoges, den er öffnet hat, fortgesetzt weitergeführt wird. „Denn jede demokratische Gesellschaft, die ihre Konflikte nicht austrägt, sondern durch Verbotserlasse konserviert, hört auf, demokratisch zu sein, bevor sie beginnt, Demokratie zu begreifen.“ (Günter Grass)