[Ali Sirin] Minarettenverbot in der Schweiz,
so will es das Volk. Ist diese Entscheidung ein Ausdruck des Volkwillens oder
der Angst vor dem Islam? Die Diskussion um dieses Verbot
wird auf mehreren Ebenen diskutiert. Verfechter der Religionsfreiheit sehen in
dem Verbot eine Islamphobie, andere wiederum sehen in dem Islam eine Religion,
die konträr zu jenen universellen Werten steht, die in der Schweiz und in
anderen europäischen Staaten gelebt werden. Um ein Beispiel zu nennen: das
Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Derzeit ist die Diskussion in
Deutschland ebenfalls schnell angeheizt worden.
Wer sich immer noch für die Rechte der
Muslime einsetzt, wird als unkritischer Gutmensch und Naivling hingestellt.
Ihre Toleranz wird mit Gleichgültigkeit gleichgesetzt. Nun, wie umgehen mit den
Muslimen, die vielen Menschen in Deutschland suspekt daher kommen? Viele von
ihnen sind integriert, sie partizipieren auch, aber letztlich nicht so, wie
rechte Meinungsführer es sich wünschen. Sie sind religiös, sie bauen Moscheen
und wirken „orientalisch“!
Journalisten wie Henryk M. Broder oder Ralph
Giordano hetzen schon regelrecht gegen die Muslime oder suggerieren eine
islamische Gefahr, die die Toleranz in Deutschland ausnutzen würden. Beide
sprechen den Muslimen jegliche gesellschaftliche Rechte ab und sehen in dem
Islam eine grüne Variante des Faschismus. Selbsternannte Islamexperten wie Udo
Ulfkotte verbreiten rechtspopulistische Sichtweisen und hantieren mit
Schuldzuweisungen. Träfe alles zu, was diese „populistischen Intellektuellen“
von sich geben, dann müsste seit längerem Bürgerkrieg herrschen. Mit dem
Knüppel der Selbstgerechtigkeit lässt es sich eben in Zeiten der Angst leichter
auf gesellschaftliche Randgruppen einschlagen.
Da ist ein Günther Wallraff ausgewogener,
der in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau auf die Frage „Und bei
Ihnen in Köln-Ehrenfeld, wo Sie ganz in der Nähe der künftigen, lang
umstrittenen Moschee wohnen?“ antwortet: „So eine attraktive, ja spektakuläre
Architektur in einem Viertel, das mit Baudenkmälern nicht gerade reich gesegnet
ist, das kann - auch als Touristenmagnet - nur ein Gewinn sein. Ganz anders als
der Fernsehturm und die hässlichen Hochhäuser ringsum.“
Aber auch ein Wallraff hat an dem Islam
etwas zu kritisieren: „Ich denke etwa an strikte Geschlechtertrennung, an die
Diskriminierung von Mädchen, die drangsaliert werden, wenn sie kein Kopftuch
tragen wollen. Ich denke an Prediger, die den Toleranzspielraum schamlos
ausnutzen und sich mit Ausgrenzungs- und Hassparolen in einem Land, in dem
Meinungsfreiheit als Grundrecht garantiert wird, auf der sicheren Seite wähnen.
Jede religiöse Praxis muss ihre Grenze an den Vorgaben der universalen
Menschenrechte finden. Und das muss klar formuliert und auch eingefordert
werden.“[1] Diese
Kritik richtet sich vornehmlich an die männlichen Funktionäre, die für alle
Muslime sprechen.
Der Islam wird als politische Bewegung
dargestellt, als eine Einheit, die undemokratischer nicht sein könnte. Die
Medien berichten über den Islam nur noch aus dieser Perspektive. Dass auch jene
Staaten, in der der Islam Staatsreligion ist, auch über eine heterogene
Gesellschaft verfügt, wird oftmals schlicht ignoriert. Allein schon über „den
Islam“ zu reden, ist eine Vereinfachung eines komplexen gesellschaftlichen
Konflikts. Muslime suchen ihren Platz in der Gesellschaft, im öffentlichen Raum
und diskutieren mit über die Zukunft in Deutschland. Die Muslime der zweiten
und dritten Generation diskutieren mit, widersprechen bestimmten Sichtweisen
und stellen Forderungen. Dies stößt auf Widerstände. Allein diese und weitere
andere gesellschaftlichen Konflikte werden unter anderem in den Büchern
„Deutsche Zustände“ als Report publiziert. Eberhard Seidel, Geschäftsführer der
Initiative "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, schreibt
diesbezüglich: „Die Zeit der Unentschiedenheit und der bequemen Neutralität ist
vorbei. Fragen drängen nach einer Antwort: Welche Rolle will die Gesellschaft
künftig dem Islam zuweisen? Wie bewertet und reagiert sie auf Gruppen des
politischen Islam? Wir befinden uns inmitten eines spannenden
Klärungsprozesses.“[2] Fragen, die lange nicht
wirklich diskutiert worden sind.
Wolfgang Gast spricht im Umgang mit dem
politischen Islam von Tabus: „Und Versuche, die Instrumentarien der
Rechtsextremismusforschung auf das Untersuchungsfeld Islamismus anzuwenden,
wurden von >>Multikulturalisten<< in Universitäten und linken
Milieus jahrelang bekämpft.“ Eine eigentlich sehr fragwürdige Sichtweise, wenn
man bedenkt, inwieweit zugunsten der Sicherheit der Datenschutz à la
Rasterfahndung gelockert worden ist. Oder der Fall Murat Kurnaz, der in
Guantanamo Bay mit vielen anderen Unschuldigen saß. Die Ehrenmorde unter Muslimen
ist ausreichend diskutiert worden, die Familiendramen der Deutschen aus einer
anderen Perspektive.
Es soll nicht abgestritten werden, dass es
islamische Fundamentalisten gibt, die demokratische Werte gerne mit Füßen
zerträten, aber diese Gefahr wird in Deutschland künstlich aufgebauscht, um der
Furcht davor dann mit noch mehr Sicherheitsgesetzen zu reagieren. In den Köpfen
spukt es von bärtigen Männern und kopftuchtragenden Frauen. Wenn Muslime hier
gegen die Ungleichbehandlung aufbegehren, dann wird mit dem moralischen
Zeigefinger auf die Situation im Nahen Osten hingewiesen. Wie diese ist, soll
nicht abgestritten werden. Arabische Politiker puschen ihrerseits nochmals die
heikle Situation hoch, um von innerpolitischen Problemen abzulenken. Aber diese
Probleme im Nahen Osten zu diskutieren soll nicht von unseren eigenen Problemen
ablenken.
Warum schaffen es die demokratischen Länder,
die gerne mit den Ländern im Nahosten wirtschaftlich kooperieren, nicht, die
Muslime in der Gesellschaft gleichberechtigt partizipieren zu lassen. Ist es
nun der Glaube der Muslime, der dies erschwert oder die Diskriminierung,
Antipathie gegenüber dieser Religionsgruppe. Oder macht sich hier die Abneigung
gegenüber einer Gruppe bemerkbar? Die Islamphobie „ (...) als religiöse
Komponente der Fremdenfeindlichkeit (...).“[3] Warum
haben muslimische Schüler schlechtere Berufschancen? Warum werden sie bei der
Wohnungssuche diskriminiert? Und warum sollen sie nicht religiös sein dürfen?
Eine Doppelmoral macht sich breit, wenn von
demokratischen Werten und Normen fabuliert wird. Wenn Deutschland und die
europäischen Staaten es ernst meinen würden mit der Demokratie, dann müssten
sie mit jenen Staaten wie China, Saudi-Arabien und anderen scheinbar
„lupenreinen“ Demokratien die diplomatischen Beziehungen einfrieren, eigenen
Unternehmen im Ausland Auflagen erlegen, Arbeiterrechte vor Ort zu respektieren
und Flüchtlinge in Internierungslagern nicht einsperren.
Die Diskussion miteinander muss auf den
„universalistischen Werten“[4]
geführt werden, schreibt der Journalist Eberhard Seidel weiter. Dies stimmt.
„In Toleranz steckt immer schon der Machtunterschied. Toleranz können sich
immer nur die Mächtigen leisten, die Ohnmächtigen können die Mächtigen nicht
tolerieren, sondern sich nur ducken. (...) Anerkennung setzt die
Auseinandersetzung mit dem anderen voraus, also die Mehrheit mit Minderheiten
und Minderheiten mit der Mehrheit.“[5]
Muslime welcher Konfession auch immer, sollten ihre eigenen Probleme
thematisieren, die Gefühle der Religiösen nicht die vor der Meinungsfreiheit
stellen. Ihnen aber ihre bürgerlichen Rechte zu verwehren, würde die Demokratie
konterkarieren. Der politische Islam muss bekämpft werden, nicht der gläubige
Muslim. Nicht der Muslim, sondern der Staat muss Lösungsansätze für ein
unvoreingenommenes Zusammenleben erarbeiten
In unserer Gesellschaft gären unleugbar
andere wichtige Probleme, nämlich die der sozialen Ungerechtigkeit, die der
drohenden Klimakatastrophe und dann wäre noch das mediale Desinteresse über die
vielen Dramen der Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertrinken, auf der Suche nach
Glück.
[1]"Sollen sie ihr
Phallus-Symbol doch haben", FR 07.12.2009
[2] Eberhard Seidel: Die
schwierige Balance zwischen Islamkritik und Islamphobie. In: Deutsche
Zustände.Folge 2. Hrsg. Wilhelm
Heitmeyer, 2003. S. 262.
[3] Jürgen Leibold/Steffen
Kühnel: Islamphobie. Sensible Aufmerksamkeit für spannungsreiche Anzeichen. In:
Deutsche Zustände. Folge 2. Hrsg. Wilhelm Heitmeyer, 2003. S. 105.
[5] Wilhelm Heitmeyer:
Riskante Toleranz. Moralgesättigt und gefährlich attraktiv. In: Deutsche
Zustände.Folge 1. Hrsg. Wilhelm Heitmeyer, 2002. S. 272.