Der Heilige Hüseyin wird im
Jahr 680 n.Chr. nach Kufe gerufen um die unrechtmäßige Herrschaft Yezids zu beenden. Er und seine Gefolgsleute werden allerdings von
Yezids Armee in der Wüste zu Kerbela (im heutigen Irak) gestellt und gezwungen
tagelang ohne Essen und vor allem Wasser auszukommen. Yezid will Hüseyin so
dazu zwingen, dass dieser die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft anerkennt;. Hüseyin macht das nicht, und die Tragödie endet mit der Ermordung Hüseyins. Kerbela
wird zum Symbol von Trauer, Widerstand und Gerechtigkeitsliebe. Dieser Vorfall
bildet zugleich den Grund für die Trauertage im (1. bis 12. Tag des Monats)
Muharrem. Die Menschen drücken in diesen Tagen ihre Anteilnahme an den
historischen Vorfällen aus. In praktischer Hinsicht wird von vielen Menschen
alevitischen Glaubens an diesen Tagen tagsüber gefasstet, aber auch sonst kein klares / reines Wasser getrunken, man hält sich von Gegenständen, die zur
Ausübung von Gewalt dienen könnten fern (z.B. Messern), verzehrt kein Fleisch, lebt
enthaltsam und versucht in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu verfahren. Durch
diesen biologischen und genüsslichen Verzicht soll das Leiden Hüseyins
mitempfunden und gleichzeitig die eigene Seele von Unreinem befreit werden.
Die Trauer- und Fastentage im Muharrem (erster
Monat nach arabischem Kalender) sind einer der zentralen religiösen Elemente
des alevitischen Glaubens. „Was immer du suchst, suche es in dir. Nicht
in Jerusalem, in Mekka oder auf der Pilgerfahrt.“ So lautet ein berühmter
Leitsatz des alevitischen Vordenkers Hace Bektaş Veli,
der im 13. Jahrhundert nach Christus lebte. Somit wird der einzelne Mensch zur
Erkenntnisgrundlage auf die Fragen des Lebens. Sicherlich macht jeder Mensch
Erfahrungen auf seine persönliche Art, drückt sich anders aus oder empfindet
das Gleiche anders als andere Menschen. Es scheint also nicht sinnvoll
zu sein, dass eine Religion versucht, die Menschen nach festen
Handlungsrichtlinien (Dogmen) und Regeln zu erziehen oder zu leiten.
Der Philosoph Spinoza sah den Zugang zu Gott
in der individuellen Liebe, also im Herzen eines Menschen bekundet. An diesem
Punkt setzt auch der Vorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschlands (AABF) in
einer Erklärung auf der digitalen Präsenz (www.Alevi.com) des Verbandes an.
„Hüseyin (Enkel des Propheten Mohammed und Sohn des Heiligen Ali, der
wiederum eine zentrale Person im alevitischen Glauben darstellt) war gegen die
Ausbildung vor autoritären Strukturen im Glauben und dagegen, dass die Religion
Druck auf die Menschen ausübte. Hüseyin sprach sich für die Wichtigkeit der
Liebe in einer Religion aus.“
Das Fasten an
diesen Tagen stellt keine fese Regel dar, sondern ist dem Individuum
selbst überlassen, im Gegensatz zum muslimischen Fastenmonat Ramadan. Dieser wird den Gläubigen als Pflicht
auferlegt, endet jedoch mit Sonnenuntergang. Das ‘aufgestaute’ Essensbedürfniss
wird anschließend wieder befriedigt. Im alevitischen Fastenmonat Muharrem
hingegen, werden die 12 Tage als eine Zeitspanne angesehen, in denen alle Genüsse
auf ein Minimum reduziert werden. So kann der freiwillige und
bewußte Verzicht eines Kindes auf das Fernsehen genauso eine Widmung an Hüseyin
und dessen Leiden darstellen, wie das Fasten eines Erwachsenen. Andersherum
kann der bloße Verzicht auf Essen und Trinken ohne genaues Wissen darüber, warum dies
getan wird im Grunde kaum Sinn der Sache sein. Die Individualisierung, das
bewußte Weggehen von sturen Pflichten zu Gunsten von individuellen
Entscheidungen ist ein entscheidender Aspekt der “alevitischen Idee”.